Man weiß nie, was einen dort unten erwartet
Českobudějovický deník | Autor: RADEK GÁLIS | 22.12.2009
Unter den Straßen Budweis' verlaufen dreihundert Kilometer Abwasserkanäle und -leitungen. Wir waren bei einer der regelmäßigen Überprüfungen dabei.
Budweis - Vielleicht kennen Sie die Atmosphäre in den Geschichten des Schriftstellers Jaroslav Foglar. Düstere Kanäle unter der Stadt, wo der Roten Mütze schlecht wurde oder wohin der geheimnisvolle EM fiel und wo er den Igel im Käfig verlor. So eine ähnliche Atmosphäre bekommt man zu spüren (natürlich, auch den charakteristischen Geruch), wenn man sich in den Budweiser Untergrund begibt. Mit dem Unterschied, dass eben nirgendwo im getrübten Wasser der Igel im Käfig liegt. Obwohl, wer weiß…
Ab in den Untergrund
An einem bewölkten Vormittag fuhren wir zusammen mit den
Mitarbeitern der 1.JVS zu den Kanälen unter Budweis. Während
das für die Mitarbeiter der 1.JVS Alltag ist, war es für uns
eine einzigartige Reise.
Die in mehrere Etappen aufgeteilte Exkursion in den
Untergrund begannen wir hinter dem Einkaufszentrum Interspar.
"Wir pflegen 300 Kilometer Kanalleitungen in Budweis und
auch in Třebotovice", verrät der Betriebsleiter Ondřej Koupal,
der dafür sorgt, dass wir Schutzhelme sowie Schutzhandschuhe
tragen.
"Diese Kontrollen führen wir regelmäßig etwa einmal im
Monat und dann natürlich jedes Mal nach sintflutartigen
Regenfällen durch", fährt Koupal fort.
"Solche Entlastungskammern wie diese, in welche sie jetzt
herabsteigen werden, gibt es in der Stadt etwa fünfzig,"
ergänzt er. Die Mitarbeiter der Firma heben inzwischen mit
Spitzhacken den Eisendeckel aus dem Kanal, durch den wir
kriechen werden.
Auf verrosteten Steigrohren tauchen wird allmählich unter
die Erde. Zuerst der Photograph, dann ich. Man muss vorsichtig
sein. Unten fließt das trübe Abwasser und es würde gar nicht
angenehm sein hineinzufallen.
Unten werden wir von ziemlich angenehmer Wärme
überrascht. Natürlich verspüren wir auch den Gestank, aber den
erwartet man ja in Kanälen.
Die Entlastungskammern helfen den Druck zu bewältigen
wenn die Kanalisation buchstäblich aus allen Nähten platzt.
Wenn das Netz es auf Grund zu hoher Regenwassermengen einfach
nicht schafft, fließt der mit Wasser verdünnte Inhalt direkt in
den Fluss.
Entlastungskammern müssen kontrolliert werden, damit sie
funktionstüchtig bleiben und für eine etwaige Wasserflut
vorbereitet sind.
Auch deshalb machen sich die Mitarbeiter der Firma
nun auf den Weg in den Untergrund. Gleichzeitig kontrollieren
sie auch die Durchgängigkeit der Kanäle ob sie verstopft sind
oder ob es Hindernisse darin zu beseitigen gibt.
Schwimmender Ball
In den Untergrund begaben sich mit uns (besser
ausgedrückt: wir begaben uns mit ihnen) die Mitarbeiter der
Firma Radek Veselý und Miroslav Procházka.
"Wenn man da nach unten will, muss man auf jeden Fall
Fischerstiefel, einen Arbeitsoverall, einen Schutzhelm und auch
einen Regenmantel anhaben," zählt der vierzigjährige Radek
Veselý auf, der bereits seit zwölf Jahren bei der Firma
arbeitet.
Sie nehmen auch eine Lampe mit, damit sie den Weg
beleuchten können.
"In den Kanälen sieht man ab und zu verschiedene Sachen,
sei es eine Jacke oder ein Ball", lächelt sein Kollege, der
siebenundvierzigjährige Miroslav Procházka.
"In den Kläranlagen findet man vor allem Bürsten oder
Wischlappen, die mit dem Wasser nach dem Bodenwischen
ausgekippt wurden, oder gelegentlich auch Personalausweise",
werden kuriose Funde aufgezählt.
Während beide Mitarbeiter die Gänge kontrollieren und
sich einige Meter in die Finsternis wagen, beobachten wir den
betonierten Raum der Entlastungskammer. Am gleichen Tag
besuchen wir noch drei weitere Entlastungskammern auf dem
linken Ufer der Moldau, über welche das Abwasser aus den
Wohngebieten Vltava und Máj in die Kläranlage fließt.
Manchmal hat man mehr Licht, manchmal weniger. Es ist
jedoch überall, auch bei diesem frostigen Herbstwetter
ungewöhnlich warm.
"Früher sind Obdachlose hier heruntergeklettert um sich
warm zu halten, deswegen müssen die Kammern gesperrt bleiben",
zeigt Ondřej Koupal auf die kräftigen Schließhacken und
Schlösser.
"Wir sperren nicht deswegen ab, damit dort nichts geklaut
oder beschädigt wird. Dort unten gibt es nichts zum Stehlen.
Eher könnte sich dort jemand verletzen oder in den Kanal
stürzen."
Wir beobachten die dunklen Gänge und strengen unsere
Augen an, ob wir eine Ratte erblicken können. Vergeblich.
Nagetiere sind nicht sehr freundlich und darüber hinaus sind
sie scheu. In den Kanalisationen leben Hunderte bis Tausende
von ihnen. Je Einwohner in Budweis sind es sieben bis acht.
Gruselige Vorstellung.
Seit dem in Haushalten Abfallzerkleiner benutzt werden
und so Abfälle in das Abwasser gelangen, geht es Ratten noch
besser. Sie werden von Leuten "freiwillig" gefüttert, ohne dass
es ihnen bewusst ist. Ein Unglück für Kanäle stellen auch
Hausfrauen dar, die den Inhalt von Bratpfannen mit Fett nach
dem Braten von Weihnachtskarpfen in die Toilette kippen.
"Für diese Arbeit muss man einen guten Magen haben",
sagen Radek Veselý mit Miroslav Procházka einhellig.
"Am Anfang waren wir auch nicht so gut darin, aber wir
haben uns daran gewöhnt", lachen die Männer in den blauen
Helmen, nachdem sie wieder ans Tageslicht kriechen.
"Wenn man da hinuntergeht, weiß man nie, was einen dort
unten erwartet," sagt Radek Veselý.
"Früher oder später gewöhnt man sich auch an den Gestank
und den Schmutz. Es ist Arbeit wie jede andere."
Decken mit Tropfstein
Und vor allem ist es eine notwendige und sinnvolle
Arbeit. Während für die überwiegende Mehrheit von Menschen der
Kampf mit Schmutz und Müll mit dem Ausspülen des Waschbeckens,
der Badewanne oder dem Toilettenspülen endet, sorgen die
Mitarbeiter der Firma dafür, dass das Abwasser durch Kanäle bis
zur Kläranlage gelangt.
Schließlich klettern wir raus. Wir sind schmutzig, ein wenig
stinkend, aber wir haben einen guten Eindruck davon bekommen,
wie es dort unten aussieht. Wir erinnern uns an gewaltige Räume
mit drei Meter hohe Decken, von denen einige mit kleinen
Tropfsteinen bedeckt sind. Verrostete, Jahrzehnte alte
Steigrohre, die so aussehen, als ob sie unter der Last des
Körpergewichts nachgeben würden, aber dann wie durch ein Wunder
noch halten. Unter unseren Füßen fließt das schmutzige Wasser
und immer wieder sieht man Reste von Gegenständen. Es fließt
von einem schwarzen Loch ins andere, um schließlich in der
Abwasserkläranlage am Rande der Stadt zu landen.
Wenn Sie das nächste Mal die Toilette spülen oder das
Waschbecken auslassen, erinnern Sie sich an jene Menschen, die
die Kanalisation warten. Ihre Arbeit duftet zwar nicht gerade
gut, aber ohne sie könnten wir nicht auskommen. Gerade deswegen
gebührt ihnen unser großer Dank.
